Irgendwo in Südfrankreich (54 Seiten)

Für Andi

Der Schnee ist noch unberührt,
keine Menschenseele unterwegs.

Es ist recht so,
denn ich ziehe es vor, allein zu sein,
wenn ich bei Dir bin,

nur Du und ich,
vielleicht ein Stück von der Zweisamkeit,
die wir nie hatten.

Schön sehen sie aus, die Bäume,
schweigsam unter der weißen Decke.

Der Adler auf Deinem Grab trägt eine weiße Haube auf dem Kopf.
Stolz trägt er seine Hochfrisur aus Schnee,
lustig schaut er aus.

Es ist traurig,
aber es ist schön,
so lange nach Deinem Tod noch mit Dir lachen zu können.

Zwiegespräch an Deinem Grab


Ein Name, den Du einmal in ein kleines Buch geschrieben hast, weil es Dein Name war. Ein Datum, das Du darunter geschrieben hast, weil es der Tag war, an dem Du geboren wurdest.

 

Damals warst Du fünfzehn und schriebst in ein Buch, wie wir´s alle getan haben:

"Was ich mag: Meinen Hund", hast Du geschrieben.


Ich habe ihn gekannt, Deinen Hund. Ist es nicht traurig, daß ich mich nicht erinnern konnte, daß Du damals einen Hund hattest? Eigentlich sollte ich jede Erinnerung, jeden Moment, den wir hatten, hüten wie einen Schatz. Es sind nicht besonders viele, und das macht sie um so wertvoller.

 

"Was ich nicht mag: Ballspiele..." hast Du geschrieben.


Und ich frage Dich heute: "Hast Du eigentlich gewußt, wie sehr ich Ballspiele gehaßt habe?"
"Wenn ich es zugelassen hätte", sage ich zu Dir, "wieviel Spaß hätten wir dann haben können, beim gemeinsamen Schwänzen des Sportunterrichts."

 

Ich lache, während ich das sage. Aber es ist ein trauriges Lachen. Ein verdammt trauriges Lachen.

L´église de Mourèze


Eine alte Kirche,
800 Jahre alte Mauern um mich herum.
Wenn diese Steine reden könnten,
denke ich.

 

Und plötzlich scheint es,
als wären sie lebendig.

 

Als hätten sie jahrhundertelang

geduldig gewartet,
auf einen Menschen,
der ihnen zuhört.

 

Mittendrin bleibe ich stehen,
ganz still,
und lausche den alten Geschichten,
die sie mir erzählen.

Fragende Kinderaugen,
freudig erregt schauen sie auf,
zu dem Mann.

 

Hallo Onkel,
sagt das kleine Mädchen,
hast Du mir auch etwas mitgebracht?

Natürlich habe ich,


sagt der Onkel,
ein Geschenk,

etwas ganz Besonderes,
das Du für immer für Dich behalten mußt.

 

Und sie behält es für sich,
ganz allein,
über Jahre hinweg.

 

Niemand,
der ihr hilft,
die zerbrochene Seele zu kitten.

 

Niemand,
der ihr zeigt,
wie man das Loch tief im Herzen flickt.

 

Bis sie eines Tages daran zerbricht,
oder aber die Mauer des Schweigens bricht,
und ihre Kindheit endgültig zu Grabe trägt.

Irgendwo in Südfrankreich


Zirpende Zikaden,
zwitschernde Vögel,
und raschelnde Eidechsen am Tage.

 

Quakende Frösche,
unermüdliche Zikaden,
die unhörbaren Schreie und das Flattern
der Fledermäuse am Abend.

 

Und meine Phantasie nimmt meine Hand
und führt mich in eine Welt,
so weit weg,
und doch ganz nahe.

 

In eine Welt,
in der Elfen Zikaden aus Porzellan kaufen,
in der Schutzengel arme Waisenkinder besuchen,

in der ich mit Menschen spreche,
die längst gestorben sind,


in der fingergroße Gnome
kleinen Mädchen die Welt von unten zeigen,

in eine Welt,
in der Katzen bellen und Vögel sprechen können,

 

in die Welt,
tief drin in mir,
dort,
wo von niemandem gesehen
meine Geschichten das Licht der Welt erblicken.
In die Welt der Phantasie.

TOC


Vorsichtiges Händchenhalten,
verliebte Küsse,
im Schatten der Bäume.

 

Gedämpftes Stimmengewirr
wehte von der Kneipe herüber,
so unendlich weit weg.

 

Manchmal,
wenn ich an damals denke,
dann möchte ich all meine Erfahrungen nehmen,
und sie vor die Tür stellen,

die Tür schließen,
und allein sein,
mit dem naiven Mädchen von damals.

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