Sterntaler 93 (66 Seiten)

Ich klopfte an die Himmelstür.

Doch niemand wollte mir öffnen.

 

Also stieg ich wieder hinab.

 

Und fing von vorne an
zu leben.

Manchmal sitze ich am Küchentisch
und rieche den Duft
der frischen Brötchen,
die Du immer gebacken hast.

 

Manchmal sitze ich vor dem Fernseher,
und fühle Deinen schützenden Arm
auf meiner Schulter.

 

Manchmal stehe ich in der Sonne,
und denke,
daß Du es bist,
der mich wärmt.

 

Manchmal ergreife ich meine Hand
und rede mir ein,
daß Du sie in Deiner hältst.

 

Manchmal stehe ich vor Deinem Grab
und denke,
Du bist noch da.

Ich kannte einmal einen Menschen,
der immer lächelte und schwieg.

 

Er lächelte und schwieg,
als man ihn Rothaut schimpfte,
und alle Indianer erschoß.

 

Er lächelte und schwieg,
als man ihn Nigger schimpfte,
und alle Schwarzen versklavte.

 

Er lächelte und schwieg,
als man ihn Jude schimpfte,
und alle Juden vergaste.

 

Er lächelte und schwieg,
als man ihn Homo schimpfte,
und Schwule und Lesben
von der Gesellschaft ausschloß.

 

Er lächelte und schwieg,
als man ihn Krüppel schimpfte,
und Behinderte schlug und trat.

 

Er lächelte und schwieg,
als man ihn Kanake schimpfte,
und die Ausländer
mit Steinen und Stöcken schlug.

 

Heute lächelt er nicht mehr.
Doch er schweigt noch immer.

 

Und er wird für immer schweigen,
denn er hat zu lange geschwiegen.

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